Bericht der Referentin
Die Veranstaltung wurde von mir mit einer kurzen Lesung aus dem Buch von Dr. med. Berndt Rieger „Die Schilddrüse – Balance für Körper und Seele“ eingeleitet. Der Internist beschreibt die Schilddrüse weit über ihre Stoffwechselfunktionen hinaus. Sie sei nicht nur die größte, sondern auch die bedeutsamste unter unseren Hormondrüsen: „Eine erkrankte Schilddrüse hindert uns daran, unser wahres Potenzial auszuschöpfen. Ihre Fehlfunktion legt sich wie ein Schatten über unser Leben.“ (S.10) Und weiter: “Im Gegensatz zu den anderen Hormondrüsen ist ihre Aufgabe nicht auf einzelne Organe oder Funktionen bezogen, sondern…ist eine Grundierung, die den anderen Hormondrüsen erst ermöglicht, ihre Wirkung zu entfalten. Diese Grundierung kann man „Lebenskraft“ nennen.“ (S.18) „…eine vitale Schilddrüse ist nicht nur Zentrum eines funktionierenden Hormonsystems, sondern auch das Geheimnis jener „Mitte“, die wir durch Entspannungsübungen und in der Spiritualität suchen, und somit ein Grundbaustein unserer Gesundheit.“ (S.24)
Leider schafft es der Autor bei allem Einfühlungsvermögen in die Problematik funktionaler Schilddrüsenstörungen nicht, das Paradox der Unterfunktion durch Überjodierung heraus zu arbeiten, das speziell der Hashimoto zugrunde liegt. Er unterscheidet zwischen Unter- und Überfunktionstyp und empfiehlt bei Unterfunktion eine jodreiche Kost. Diese ist bei Hashimoto nun gerade zu vermeiden! Deshalb kann ich sein in vielerlei Hinsicht verdienstvolles Buch bei Hashimoto nicht empfehlen.
Zur Schilddrüse gehört das von ihr produzierte Schilddrüsenhormon. So ergab sich aus der Lesung die Frage nach dem Umgang mit Ersatzhormonen. Sind künstliche Hormone bei jedweder Hashimoto Diagnose hilfreich und entlastend? Wann sind sie notwendig, wann sind sie überflüssig oder können sogar schädlich sein? Wie sieht die Verordnungspraxis aus? Wie ist es mit der Verträglichkeit? Hier gibt es eine Fülle von individuell unterschiedlichen Erfahrungen, denen eine weitgehend standardisierte Verordnungspraxis nicht immer gerecht wird.
Sechs Wochen vor der Veranstaltung veröffentlichte die BZ (“Berlins größte Zeitung”) am 15. September 2010 den aktuellen Verordnungsreport. Titelseite: „Der Arznei-Report 2010 – Die 50 wichtigsten Medikamente – Welche am häufigsten verschrieben werden und was sie kosten“. Schilddrüsenhormonersatz führt die Liste nicht nur an, diese Medikamente belegen auch Platz 5 und 13, dazu ein Kombipräparat Hormon plus Jod auf Platz 20. Insgesamt wurden diese vier Präparate bei Schilddrüsenunterfunktion 2009 laut BZ rund 16 Millionen Mal in Packungen zu 100 Stück verordnet. Der Preis der Packung wird mit 14 bis 15 Euro angegeben, für das Kombipräparat mit 22,59.
Zu den bereits diagnostizierten und in ärztlicher Behandlung befindlichen Fällen kommt eine Hashimoto Dunkelziffer, die die Zahl der bekannten Fälle weit übersteigt. Bereits 2006/7 wurden in einer epidemiologischen Reihenuntersuchung bei 13 (dreizehn!) Prozent der Bevölkerung unentdeckte Hashimoto-spezifische Antikörper nachgewiesen. Dieses Ergebnis wurde 2008 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht.
Die Teilnehmerinnen der Veranstaltung waren aufgefordert, ihre Interessenschwerpunkte in Stichworten auf Moderationskarten zu notieren. Die meisten Punkte betrafen dabei Fragen zur Ernährung und lauteten wie folgt:
- Keinen Seefisch! Meeresfrüchte usw.
- Keine deutschen Milchprodukte
- Keinen Kohl
- Kein E127
- Hochwertige Öle verzehren
- Zink, Selen und Omega 3 Säuren einnehmen
- Welche Genussmittel sind erlaubt?
Alle Punkte wurden im Einzelnen diskutiert, erläutert, ergänzt oder relativiert.
Im Weiteren gab es den Punkt
Hautprobleme sind mit funktionalen Schilddrüsenstörungen häufig vergesellschaftet. Als Autoimmunerkrankung stellt die Hashimoto eine gesundheitliche Beeinträchtigung dar, die über die Beeinträchtigung der Schilddrüsenfunktion hinaus in den Körper einzugreifen vermag. Es gibt gute Erfahrungen mit ganzheitlichen Behandlungskonzepten, die das Gesamtbild und den Gesamtzustand des Betroffenen im Auge haben und die Gesamtregeneration unterstützen. Hautfunktionen können zusätzlich auf natürliche Weise unterstützt und harmonisiert werden. Die Haut ist ein Ausscheidungs- und Reinigungsorgan. Die Unterdrückung ihrer Symptome kann zu einer zusätzlichen Belastung des Immunsystems führen.
Ein Punkt, den ich gegen Ende der Veranstaltung noch kurz streifen konnte, ist das Maßhalten. Ich selbst bin ohne Einnahme von Hormonen, mit strikt jodarmer Kost und klassisch-homöopathischer Therapie, mit allen einschlägigen Laborwerten wieder im grünen Bereich. Ein jahrelanger, anspruchsvoller und disziplinierter Weg, der mich zu einem deutlich verbesserten Allgemeinbefinden im körperlichen und seelischen Bereich geführt hat. Auf diesem Weg habe ich gelernt, mein eigenes Maß zu erkennen und zu akzeptieren.
„Meine“ Hashimoto hat mir eine Lektion erteilt, die ich bereit war anzunehmen und für die ich dankbar bin. Die Fragen, die ich den engagierten und interessierten Teilnehmerinnen mit auf den Weg gegeben habe: Wovon gibt es in meinem Leben zuviel? Wovon gibt es in meinem Leben zu wenig? In dem Bereich, der über oder unter unserem eigenen Maß liegt, ist Raum für die Krankheit. Je mehr wir unser eigenes Maß finden, unsere vitalen Bedürfnisse erkennen und danach streben sie zu befriedigen, umso mehr Ordnung und Harmonie entsteht in uns und um uns.
In der Schlussrunde gab es positives Feedback. Die Teilnehmerinnen fühlten sich ermutigt und angeregt, bewusster mit ihrer Erkrankung umzugehen und Alternativen für sich zu entdecken. Ich danke allen Teilnehmerinnen herzlich für den offenen und engagierten Austausch.
Ina Müller-Schmoß danke ich für die fotografische Dokumentation und Moni Stehberger für die tatkräftige Unterstützung.
Mehr Fotos ansehen: http://www.flickr.com/photos/49932163@N05/5125412072/in/set-72157625139578661/
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