Borderliner sind extrem in ihren Beziehungen, sie lieben oder hassen, sie können keine Beziehung aufrecht erhalten, sie stoßen die von sich, die sie am meisten lieben. Mit einem Borderliner wird jede Beziehung ein Drahtseilakt, der früher oder später zum Absturz führt, besser, man hält sich fern. Realität? Klischées? Abgestempelt aufgrund einer Diagnose? Selbsterfüllende Prophezeihung? Der Weg des geringsten Widerstandes? Zugegeben, ich bin befangen, da ich selbst Borderliner bin. Damit bin ich jedoch gleichzeitig kompetente Expertin. Ich habe mich jahrelang selbst als beziehungsunfähig bezeichnet, bin Beziehungen daher eher aus dem Weg gegangen und habe nicht weiter darüber nachgedacht.
Meine Erfahrungen mit den Tieren auf meinem Hof haben mir jedoch gezeigt, dass ich sehr wohl in der Lage bin, Beziehungen einzugehen. Ich laufe nicht davon, wenn es schwierig wird, ich habe Geduld und Ausdauer, ich lasse dem Tier seinen Raum, ich bin einfühlsam und sensibel. Wir lernen voneinander und die Beziehung entwickelt sich, wächst, wird sicher und verlässlich. Ich bin natürlich auch wütend oder genervt, habe einen schlechten Tag oder es bedrückt mich etwas ganz anderes. Genauso haben sie ihre verrückten 5 Minuten, wissen meist genau, wie sie mich auf die Palme bringen können und sind manchmal schlicht so nervig, dass ich sie am liebsten auf den Mond schießen würde. Doch ich gehe weiterhin mit ihnen spazieren, füttere und tränke, miste aus und beschäftige mich mit ihnen. Je länger ich sie kenne, desto stabiler wird die Beziehung, desto sicherer werde ich und desto verlässlicher werden die Tiere. Und das genau ist vielleicht der große Unterschied zu Menschen.
Eine Beziehung zu einem Menschen aufbauen ist immer ein Risiko, ich kann mich nicht darauf verlassen, dass sie sich weiterentwickelt und tatsächlich stabiler und sicherer wird. In Beziehungen mit Menschen fehlt mir oft die für mich notwendige Klarheit und Direktheit. Wenn eine Beziehung nicht klappt, trägt jeder anteilig 50% dazu bei, daher bin ich mittlerweile soweit, nicht freiwillig die 100% zu übernehmen, nur weil ich ein “beziehungsunfähiger Borderliner” bin. Auf meine Kappe nehme ich hingegen, und das wäre meine vorläufige neue These zu diesem Problem, dass ich mir unbewußt vielleicht gerade solche Menschen aussuche, die selbst Schwierigkeiten mit Beziehungen haben und vor Klarheit und Verbindlichkeit in ihre Vernebelungstaktiken und Doppelbödigkeiten fliehen, die mich dann auf die Palme bringen und mir den Boden unter den Füßen wegziehen. Damit ist das Ende absehbar und ich bleibe zurück als “beziehungsunfähiger Borderliner” – auf zur nächsten Runde.
Ich habe Anfang 2010 eine langjährige Freundschaft dahingehend auf die Probe gestellt und genau das bestätigt bekommen. Unausgesprochen beruhte diese Beziehung auf der Tatsache, dass ich beziehungsunfähig bin und daher entsprechend Distanz brauche. Auf dieser Basis war es für den Mann ziemlich ungefährlich über die Jahre hinweg immer mal wieder zu behaupten, er könne sich durchaus mehr vorstellen, und mit mir zu flirten, mein “Nein” war ihm sicher. Es war vertrautes Terrain – auch für mich. Da ich mir jedoch vorgenommen hatte, endlich neue Wege zu gehen und nicht immer wieder die alten Muster nachzuspielen, ging ich diesmal einen Schritt weiter, überraschte nicht nur mich, sondern besonders ihn. Erst dadurch wurde die gut versteckte Unterkonstruktion freigelegt. Oder wie mein Therapeut trocken meinte: “Es überrascht Sie doch nicht wirklich, dass es mit xy nicht geklappt hat, oder?” Nein, es überraschte mich nicht.
Von klein auf bin ich es gewöhnt, mich auf wechselnde Situationen und Stimmungen schnell und flexibel einzustellen. Menschen, die von einem Thema zum nächsten springen, erst dies, dann jenes planen und dann doch wieder alles über den Haufen werfen und anders handeln müssen sind mir vertraut. Ich kann mich anpassen und darauf reagieren. Dementsprechend “pflegeleicht” bin ich in Freundschaften. Inzwischen jedoch denke ich, dass ich folglich genau solche Menschen kennen lerne und in meinem Umfeld sammle, weil sie mir vertraut sind. Durch die Tiere habe ich erkannt, was ich mir wirklich in einer Beziehung wünsche, und was ich in den vielen bisherigen Freundschaften und Beziehungsversuchen vermisste: Klarheit und Beständigkeit, gemeinsames Wachsen, Zuverlässigkeit, Verantwortung füreinander übernehmen und diese leichte Zärtlichkeit und Freude darüber, weil man zusammenleben darf.
Auch wenn ich vor diesem Neuen und Fremden Angst habe und die Versuchung für mich groß ist, lieber in altbekannte, vertraute Muster zu fliehen, weiß ich, dass es diese anderen Menschen tatsächlich gibt: Meine Klarheit und Direktheit wird sie nicht in die Flucht treiben, und sie brauchen auch keine Vernebelungswolke, um mich auf Abstand zu halten. In ihrer Gegenwart bin ich kein “beziehungsunfähiger Borderliner”, der die Gesamtschuld am Scheitern der Beziehung mit größter Selbstverständlichkeit zugeschoben bekommt, sondern ein Mensch, der zusammen mit einem anderen Menschen das Wagnis des gegenseitigen “Zähmens” eingeht, an dieser Aufgabe wächst und zusammen mit ihm glücklich wird.
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