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Multiple Sklerose-Betroffene berichten aus dem Pflegeheim [4/5]

Es ist nicht alles zu Ende – ermutigende Erfahrungen (2)

Stephan

Also was ich noch ganz wichtig finde. Ich möchte auch hier ein Ziel, einen Sinn, eine Zukunft und eine Vision haben und nicht denken, ich sei auf dem Abstellgleis. Wenn ich bereit bin, hier sinnvoll zu leben, dann möchte ich ja etwas vom anderen wissen bzw. der andere was von mir. Ich bin hier nicht am Ende der Welt. Ich treffe viele Menschen, lerne Bewohner oder auch Pfleger aus verschiedenen Ländern und Kulturen kennen. Das ist doch interessant. Jede Beziehung ist eine Bereicherung. Die Bereitschaft, dies zu sehen, muss jedoch von mir ausgehen.

Vroni

Ich finde es hier für mich viel leichter, ein sinnvolles Leben zu leben, als mehr oder weniger isoliert und alleine zu Hause in der ambulanten Pflegesituation. Hier werde ich als „normaler“ Mensch gesehen, als Vroni, Stephan oder Theresa. Nicht meine Behinderung steht im Vordergrund, so wie ich das oft zu Hause erlebt habe, wenn ich im Rollstuhl unterwegs war.

loslassen, by pixelio.de

Stephan und Theresa

Ja, das stimmt. Es ist eindeutig so, dass es hier für uns leichter ist, gleichberechtigte Beziehungen aufzubauen, soweit man das möchte. Natürlich kann man sich auch verkriechen. Man wird ja nicht gezwungen, Kontakt zu anderen aufzubauen. Im Haus wird vieles dafür getan, diese Kontakte zu befördern, beispielsweise durch Beschäftigungstherapie, Gruppenangebote und auch in Einzelgesprächen wird man dazu ermuntert.

Theresa

Also ich hatte ein sehr prägendes Erlebnis, als ich noch zu Hause, aber schon Rollstuhlfahrerin war. Da wurde ich mal von einem Gaffer abschätzig von oben bis unten „inspiziert“ – auf eine so verletzende Art und Weise, dass ich lange Zeit die Wohnung nicht mehr verlassen wollte. So etwas würde mir hier nie passieren.
Die meisten hier sind wirklich sehr freundlich. Na ja, es gibt schon auch mal Einzelne beim Pflegepersonal, über die ich nicht so glücklich bin. Was ich noch wichtig finde: Man muss sich auch einordnen und anpassen können.

Stephan und Wolfgang

(Wolfgang, 51 Jahre, im Heim seit 2004, MS-Diagnose seit 1983, Status: Rollstuhlselbstfahrer)
Ja klar, aber das muss man doch auch zu Hause oder wenn man einen ambulanten Pflegedienst beansprucht. Kommunizieren können muss man überall, ganz gleich, wo man lebt. Man muss sich überall mit anderen Menschen arrangieren, beispielsweise mit Nachbarn, die sich durch irgendetwas gestört fühlen.

Stephan

Es ist auch wichtig, seinen eigenen Beitrag zu leisten. Zum Beispiel den Pflegern bewusst machen, dass das Zimmer, in dem ich wohne, mein Privatbereich ist. Sonst bleibt eventuell die Tür offen, und man fühlt sich, als ob man auf dem Gang leben würde. Oder auch mal auf jemanden zugehen und um Hilfe zu bitten, beispielsweise einen Mitbewohner oder einen Besucher.

Theresa

Ja, das ist sehr wichtig, dass man die Hilfe auch annehmen kann. Manche können das nicht.

Vroni

Und es gibt auch viele hier, die sich nicht öffnen und ganz für sich bleiben.

Wolfgang

Ja, man muss schon aus sich rausgehen. Bei mir hat es ein Jahr gedauert, bis ich mich heimisch fühlte. Aber dann kann man Freunde suchen und auch finden. So gute Freunde wie hier hatte ich noch nie im Leben.

Theresa

Und noch ein Aspekt ist mir sehr wichtig, den ich so niemals erwartet hätte. Ich erlebe hier, dass ich gebraucht werde und keineswegs nur auf die Rolle eines Hilfeempfängers reduziert werde. Damit hatte ich nicht gerechnet, dass ich hier so ein breites Betätigungsfeld finde, mich zu engagieren bzw. aktiv von anderen angesprochen und um Rat und Hilfe oder einfach um ein Gespräch gebeten werden. Das tut mir so gut.

Stephan

Ja und die Möglichkeit zu helfen ist nicht nur auf das Heim begrenzt. Ich wurde beispielsweise gebeten, mich für Behinderte im Ausland zu engagieren, und habe viele im Ort gefunden, die mich dabei unterstützen. Im Vergleich zu den meisten Behinderten in anderen Ländern sind wird ohnehin in einer privilegierten Lage.

Zusätzliche Angebote – neue Perspektiven

Vroni, Sabine, Dorothea

(Sabine, 45 Jahre, im Heim seit 2000, MS-Diagnose seit 1982, Status: Rollstuhlselbstfahrerin)
(Dorothea, 72 Jahre, im Heim seit 1992, MS-Diagnose seit 1984, Status: Rollstuhlfahrerin)

Wir MS-Betroffene sind meist jünger als ein üblicher Pflegeheimbewohner und haben schon deshalb andere Ansprüche und Zielsetzungen, wollen was unternehmen und richten uns hier ein “neues Leben“ ein. Im Alpenpark zu leben, bedeutet ja nicht im Knast zu sein. Ich kann kommen und gehen, wann ich will. Die Physiotherapie ist im Haus. Die Beschäftigungstherapie bietet ein
gutes und breites Angebot auch mit Ausflugsmöglichkeiten oder kulturellen Veranstaltungen. Insofern können wir hier ein fast „ganz normales“ Leben leben.

Stephan

Ja, und es gibt hier eben nicht nur die Sicherheit eines Pflegepersonals rund um die Uhr, sondern es gibt sogar noch eine MS-Gruppe und eine Gesprächsgruppe, in der wir eine positive Auseinandersetzung mit uns, der MS und den besonderen Lebensumständen im Pflegeheim führen können. Wir sind in der Gruppe eben nicht am Meckern und Klagen über das Leben im Allgemeinen und unsere Probleme im Besonderen. Ich finde, über all die Jahre, die an der Gruppe ich teilnehme, hat sie immer eher aufgebaut – psychisch aufgebaut. Ich habe mich immer auf die Gruppe gefreut.

Sabine

Ich finde, dass die Gesprächsgruppe auch eine geistige Herausforderung ist, weil eben oft sehr spezifische Themen mit einem gewissen Tiefgang angesprochen werden. Da kann bzw. muss man dann auch mitdenken und ist gefordert.

Dorothea

Im Gesprächskreis geht es Gott sei Dank deutlich über die alltäglichen Schön-Wetter-Inhalte hinaus. Ja, genau diese menschlichen Themen ansprechen zu können ist wichtig. Es gibt bestimme Gesprächsinhalte, die ich sonst gar nicht ansprechen könnte, die ich nur hier einbringen kann. Das setzt ja auch eine gewisse Vertrautheit voraus.

Stephan

Und dass es eine Gruppe gibt, in der diese persönlichen Anliegen eingebracht werden können, ist entscheidend für meine Lebensqualität hier im Haus. Das gehört doch zu meiner Existenz, nicht nur die pflegerische Versorgung. Die geistige und psychische Ebene muss man doch auch sehen. Ich bin nicht dement und möchte auch nicht so behandelt werden, sondern als ein geistig gesunder Mitbürger gesehen werden, der in der Lage ist Entscheidungen zu treffen, auch wenn diese vom Leben nicht mehr so gefordert werden.

Vroni

Für mich war es total hilfreich und wichtig, durch die MS-Gruppe im Haus die SOWI-Therapie kennen zu lernen. Die SOWI-Therapie hat mir geholfen, mich mit der MS und mit meinem Körper auszusöhnen, denn vorher bedeutete MS zu haben für mich „das Ende“. Die wichtigste Botschaft der SOWI-Therapie ist für mich, dass ich meinen Körper auch positiv sehen kann, trotz MS. Mit Hilfe der SOWI-Therapie konnte ich mich wieder als Vroni fühlen.

Theresa

Also ich hab für mich das Ziel, in mir selbst zu Hause zu sein. Um dieses Ziel muss ich mich immer wieder neu bemühen. Durch die SOWI-Therapie habe ich gelernt, nicht zu resignieren, sondern zu kämpfen. Worum kämpfen? Zum einen, die MS anzunehmen, und zum anderen, eine Besserung zu erreichen.

Stephan

Ich empfinde das etwas anders. Mit Hilfe der SOWI-Therapie hab ich gelernt, mit dem Kampf gegen meinen Körper aufzuhören und mich stattdessen darum zu bemühen, ihn als Freund anzusehen. So sage ich mir inzwischen: „Das kann ich noch nicht!“ anstelle von: „Das kann ich sowieso nicht!“. Diese veränderte Einstellung zeigt, dass ich meinem Körper gegenüber gelassener wurde und ihm freundschaftlicher begegne. Ich habe zwar aufgehört, gegen ihn zu kämpfen, aber ich habe nicht aufgehört, mich um eine Besserung zu bemühen.

Vroni

Ich hab durch das Kennenlernen der SOWI-Therapie wieder mein altes Selbstbewusstsein zurück bekommen. Ich fühle mich so wie vor der MS-Diagnose, als eigenständiger Mensch, der sich für oder gegen etwas entscheiden kann und eine Methode kennt, wie er sich selbst was Gutes tun kann. Damit geht es mir emotional so gut wie schon lange nicht mehr. Ich hab mir gleich von
Anfang an gedacht: „Mann, da kann ich doch noch was für mich tun, das ist ja super!“ Das ist für mich ein extrem wichtiger Punkt.

Sabine

Ja, so ähnlich ging es mir auch. Ich hab hier im Hause Gott sei Dank erst Angela und dann Sonja Wierk kennengelernt. Was Besseres hätte mir damals nicht passieren können. Die SOWI hat bei mir bewirkt, dass ich gelernt habe, mich selbst so anzunehmen, wie ich bin. Ich konnte erst gar nicht begreifen, was Sonja damit meinte, wenn sie sagt: „Liebe dich selbst!“ Als mir das schließlich gelang, hat das damals unmittelbar bewirkt, dass ich mich selbst wieder berühren konnte, ohne eine Spastik in den Beinen auszulösen.

Wolfgang

Ich bin zwar nach der MS-Diagnose nicht in einen frustrierten Rückzug verfallen, sondern habe eigentlich immer gekämpft, aber dennoch hat mir die SOWI einen positiven zusätzlichen Impuls gegeben. Ich fühle mich durch die SOWI bestätigt, dass man immer etwas für sich tun kann. Das ist ein ganz wichtiges Gefühl, und es ist gut zu wissen, dass die neueste Gehirnforschung
bestätigt, dass man sein Nervensystem trainieren kann, dass man das Gehirn durch eigenes Tun zu neuronalen Verknüpfungen anregen kann.

Die anderen Teile des Berichtes:
Multiple Sklerose-Betroffene berichten aus dem Pflegeheim [1/5]
Multiple Sklerose-Betroffene berichten aus dem Pflegeheim [2/5]
Multiple Sklerose-Betroffene berichten aus dem Pflegeheim [3/5]

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Informationen zur Autorin/zum Autor

Dieser Artikel wurde am 20.Dezember 2009 von MS-Betroffene geschrieben.
Eine Gruppe von Multiple Sklerose-Betroffenen berichten aus ihrem Leben im Pflegeheim.
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3 Antworten zu Multiple Sklerose-Betroffene berichten aus dem Pflegeheim [4/5]

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