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52 Dienstage: Arthrose in den Hüften, den Knien und in den Armen, der Kern ist noch gut

Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch “52 Dienstage – Ein Frauentagebuch”, geschrieben von 51 Frauen (und einem Ehemann) an 52 Dienstagen des Jahres 2005.
Herausgeber ist der Verein Lebendiger Leben! e.V., bei dem Sie das Buch erwerben können.

Geschrieben am 11. Januar 2005

Es ist 6.15 Uhr. Mein obligatorischer Wecker in Gestalt meines Mannes ruft mich zum Frühstück. Seine Stimme klingt ungeduldig. Kaffee machen ist für ihn als Frühaufsteher seine Aufgabe, seitdem wir Rentner sind. Mir ist das einfach zu früh, zumal ich häufig erst spät ins Bett komme. Diese wenigen Stunden schlafe ich intensiv, bei l&auml,ngerem Liegen habe ich Schmerzen in den Schultern, den operierten Hüften (Endoprothesen), den taub werdenden Händen und den Knien.

Na ja, mein Orthopäde formulierte das Anfang Januar 2005 mit den Worten: “Sie haben Arthrose in den Hüften, den Knien und in den Armen, der Kern ist noch gut. Und damit müssen sie leben.”

Schön, weiß ich ja, trotzdem bekomme ich nur sechs Behandlungen pro Quartal, es sei denn, ich wäre privat versichert. Bin ich aber nicht, könnte ich mir auch trotz 45 Arbeitsjahren nicht leisten. So kommt Privatbezahlung für Massagen usw. auch nicht in Frage. Das Geld langt gerade für Sauna und Schwimmen, bin doch kein Krösus. Wenn ich mehr Geld hätte, würde es meine arbeitslose Tochter bekommen, damit sie nicht gar so rechnen muss oder man könnte öfters spenden, z. B. für Kinder und Behinderte.

Jetzt habe ich auch gespendet für die Tsunami-Opfer in Asien. Da gab es gar kein Nachdenken. Wir haben das Hochwasser von 2002 nur allzu gut in Erinnerung. Wir hatten keinen Strom, und das Wasser reichte bis an unser Wohnhaus. Der Keller war überschwemmt, und auf der Straße fuhren Boote. Die Angst war groß. Trotzdem meine ich: Wir leben gut. Wir Behinderte können frei entscheiden, uns in unserem Land frei bewegen. Kein Hitler verfolgt uns oder merzt uns als “unwertes Leben” aus. Wir können am öffentlichen Leben teilnehmen, trotzdem gibt es Barrieren. Unsere Rechte sind sogar im Grundgesetz verankert. “Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden”, heißt es im Art. 3 des Grundgesetzes.

Es gibt eine Menge Gesetze, die die Einstellung von arbeitsfähigen Behinderten regeln. Betriebe und Einrichtungen in Sachsen müssen sogar 5 Prozent Behinderte pro Gesamt-Personal einstellen oder eine Art Strafe zahlen. Aber die zahlen lieber. Behinderte einstellen ist für sie ein zu großes Risiko, weil man denen schlecht kündigen kann.

Gut, dass ich das hinter mir habe, aber was wird mit den vielen anderen mit ihren Existenznöten, dem Bedürfnis nach Arbeit, nach etwas Freundlichkeit und Anerkennung? Wo bleibt ihre Chance auf ein selbstständiges und sinnvolles Leben in einer Zeit, wo schon gesunde junge Menschen arbeitslos sind.

Helen Keller [http://de.wikipedia.org/wiki/Helen_Keller], die erste blind-taubstumme Akademikerin der Welt, hatte diese Chance. Sie hatte reiche Eltern, eine sich aufopfernde Lehrerin und viel Glück. Aber, wer hat das schon?

Auch unser Verein muss sparen. Nun haben wir keine bezahlten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen mehr und versuchen uns so recht und schlecht in unserem kleinerem Büroraum “über Wasser” zu halten. Die Stadt hat kein Geld für unseren Verein. Das Geld wird für “Wichtigeres” gebraucht.
Wir behinderten Frauen mit unseren Wünschen und unserem “Recht” auf Leben sind nicht wichtig genug. Dabei gibt es in Deutschland so viele Großverdiener und Geld im Überfluss. Der bekannte Sänger Udo Jürgens verdient auch viel Geld, aber vielleicht versteht er das, was er u. a. singt: “Wir könnten den Hunger schon heilen, nur müsste man besser verteilen.” Wie wahr!

Autorin: Erika Knobloch, Dresden; *1941, verheiratet, eine Tochter. Zuerst als Schaltmechanikerin in Leistung gearbeitet, dann Erwachsenenqualifizierung zum Handelskaufmann, verschiedene Zusatzlehrgänge besucht. 25 Jahre bei der Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen, Standort Dresden, gearbeitet und ehrenamtlich (bis heute) in der Hauptschwerbehindertenvertretung des Sächsischen Sozialministeriums. Altersrentnerin. Durch Arthrose in beiden Hüften und Knien seit jungen Jahren gehbehindert.
Viele Hobbys: Lesen, Schreiben, Gärtnern, Fotografieren, Schwimmen, in die Sauna gehen, in der Jugend auch Zeichnen. Für das Chorsingen muss man leider stehen können.

Weitere Beiträge:

30. August 2005 – Autorin: Simone Walter veröffentlicht bei nicoleengelhardt.de
8. März 2005 – Autorin: Anja Damme veröffentlich bei Blogpatenschaften.de
15. Februar 2005 – Autorin: anonym veröffentlicht bei Die Göre lebt – Blog zu 7 Beruf(ung)en

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Informationen zur Autorin/zum Autor

Dieser Artikel wurde am 01.September 2009 von Erika Knobloch geschrieben.
Dresden; *1941, verheiratet, eine Tochter. Zuerst als Schaltmechanikerin in Leistung gearbeitet, dann Erwachsenenqualifizierung zum Handelskaufmann, verschiedene Zusatzlehrgänge besucht. 25 Jahre bei der Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen, Standort Dresden, gearbeitet und ehrenamtlich (bis heute) in der Hauptschwerbehindertenvertretung des Sächsischen Sozialministeriums. Altersrentnerin. Durch Arthrose in beiden Hüften und Knien seit jungen Jahren gehbehindert. Viele Hobbys: Lesen, Schreiben, Gärtnern, Fotografieren, Schwimmen, in die Sauna gehen, in der Jugend auch Zeichnen. Für das Chorsingen muss man leider stehen können.
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5 Kommentare

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