Aufeinander zugehen statt Ausgrenzen
Seit über 25 Jahren habe ich mit immer wiederkehrenden schmerzhaften und über mehrere Tage anhaltenden Migräneattacken und rheumatischen Beschwerden zu tun. Ich will hier gar nicht schildern, welche Medikamente, Behandlungsmethoden (klassische Schulmedizin sowie alternative Verfahren), Kur- und Krankenhausaufenthalte ich in diesen Jahren schon durchlaufen habe. Das ist nicht mein Thema. Mit meiner Krankheit habe ich gelernt zu leben. Mir geht es viel mehr darum, mich für einen offenen und lockeren Umgang mit dem Thema “chronische Erkrankung” in der Arbeitswelt einzusetzen.
Wie ich das machen kann, weiß ich noch nicht so genau. Vielleicht kann ich mir darüber durch das öffentliche Schreiben mehr Klarheit verschaffen.
Ich möchte aus meinem Blickwinkel heraus darauf hinweisen, dass sich hier einiges in einer Schieflage befindet. Auch bewundere ich Menschen, wie z.B. Lars Michael Lehmann, der seit Jahren als Legasthenieexperte bloggt [http://legasthenieistkeineschande.wordpress.com/]. Ich kann mir nur wünschen, dass solche Beispiele Nachahmer finden und “Betroffene” aus allen nur denkbaren Bereichen sich ihrer eigenen Kompetenz mehr und mehr bewusst werden und sich Gehör verschaffen, denn wer sonst außer ihnen verfügt über diese hautnahen Erfahrungen.
Was mich beschäftigt, ist folgende Situation: Meine Berufstätigkeit ist immer schon gekennzeichnet durch einen ständigen Wechsel von Arbeitslosigkeit, befristeten Beschäftigungsverhältnissen, Selbstständigkeit und Krankenzeiten. Eine Berentung war auch schon im Gespräch. Das müsste meiner Meinung nach nicht so sein, denn mit nur wenigen Absprachen hinsichtlich flexibler Zeiteinteilung und Möglichkeit gelegentlich auch vom Homeoffice aus zu arbeiten, kann ich sehr gut klarkommen.
Meiner Meinung nach ist es an der Zeit hier andere Lösungsansätze auszuprobieren, neue Wege zu gehen. Die staatlich vorgegebenen Lösungsansätze wie z.B. “Bewerber(innen) mit Schwerbeschädigtenausweis werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt“ greifen hier nicht wirklich, schaut man erst einmal hinter die Kulissen. Ich stelle nachfolgend mal – wenn auch sehr vereinfacht – zwei Modelle gegenüber, die sich mir im Moment bieten:
Altes Denken: (es gibt auch Ausnahmen)
Im Bewerbungsgespräch präsentiere ich mich als uneingeschränkt leistungsfähig, da ich sonst keine Chance habe, den Job überhaupt zu bekommen. Ich weiß, der Arbeitgeber führt eine Krankenstatistik über seine Arbeitnehmer. Bei zu langen Fehlzeiten wird der Arbeitnehmer in Gesprächen mit dem Vorgesetzten eher eingeschüchtert, als das über mögliche Ursachen und Alternativen nachgedacht wird. Ich fehle krankheitsbedingt häufiger als andere. Manch ein Kollege zeigt mir mehr als deutlich, dass es ihn nervt, meine Arbeit dann mit erledigen zu müssen. Nach 3 Jahren in denen ich meinen Urlaub auch für Krankentage aufbrauche, erleide ich ein Burn-Out.
Neues Denken: (leider noch die Ausnahme)
Ich kann im Vorstellungsgespräch auf meine chronische Erkrankung eingehen und selbst Vorschläge unterbreiten, welche Arbeitszeiten und -Bedingungen sich auf meine Leistungsfähigkeit g¨nstig auswirken. Mein Arbeitgeber hört sich das interessiert an. (Er berichtet von seinem Aufenthalt in einer Reha-Maßnahme, von dem er sehr viel profitiert hat.) Niemand muss mehr den Superhelden oder die Superheldin spielen. Wir legen für mich flexible Arbeitszeiten fest und regeln, wie wir damit umgehen, falls ich mich an einem Tag nicht wohl fühle und zu Hause bleiben muss. Auch die Kollegen wissen das schon im Vorfeld. Wir planen einfach “Pufferzeiten” mit ein, so dass f¨r niemanden ein unnötiger Druck entsteht. Das Betriebsklima ist offen und kollegial, was sich wiederum positiv auf die wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens auswirkt. Für sein soziales Betriebsklima erfährt der Arbeitgeber in der Öffentlichkeit eine besonders hohe Wertschätzung.
Mein Fazit:
Im Laufe der Zeit habe ich gelernt mit meiner Krankheit umzugehen. Ich kann auf meine Körpersignale achten und dadurch meinen Gesundheitszustand positiv beeinflussen. Eine 40-Stunden-Woche jedoch schaffe ich nicht, da ich einfach mehr Zeit zur Erholung benötige als andere. Bekomme ich diesen zusätzlichen Erholungsraum, ist meine Erkrankung für mich kein Problem mehr. Das eigentliche Problem besteht für mich derzeit darin, ein kollegiales und offenes Arbeitsumfeld, wie es das zweite Modell beschreibt, zu finden.
Dies ist ein Blog für die, die selbst kein Blog haben - weil sie sich nicht mit der Technik befassen wollen, weil sie keine Zeit haben, ein eigenes Blog zu betreiben..... usw.. Hier kann der "Off-Liner" bloggen - nur mal so, zu einem Thema oder ständig über ein Projekt etc. Bei Interesse, bitte über das 



Hallo Ihr Lieben,
es ist richtig dass Betroffene Ihren Mut zusammenehmen um zu berichten. Bloggen ist nicht nur eine neue Form der Gegenöffentlichkeit bzw. des Bürgerjouralismus sondern es kann auch zu einen neuen Berufsbild des speziellen Experten führen.
Es gibt doch verschiedene Themen über die man Berichten kann, es gibt viele Krankheiten oder gar Behinderungen die in unserer Gesellschaft ein totales Tabu darstellen, Betroffene sollten unbedingt davon Berichten. So mache Wissenschaftler und Experten sitzen in Ihren Elfenbeintürmen und kennen die wirkliche Realität eines erlebten betroffenseins sehr selten.
Darum kann ich nur Menschen ermutigen, es zu wagen! Vielleicht entsteht sogar ein neues Berufsbild, und so könnte dieser vielleicht eine neue Art der Integration erleben.
Selber als Legasthenieexperte habe ich es erlebt, darum kann ich Euch nur ermutigen.
Lars-Michael Lehmann
Hallo,
wollte nur dauaf hinweisen, dass im Blog Mitten am Rand auch eine Frau mit chronischen Schmerzen mutig aus ihrem Leben berichtet: Sigrid H. hat eine lange Leidensgeschichte hinter und vor sich. Sie hat ein Bein amputiert nach einem Unfall und braucht ständig Schmerzmittel. Ich lese mit Hochachtung ihre Artikel, weil sie mir darin das Bild einer Frau vermittelt, die es trotz aller Widrigkeiten immer wieder packt, die trotz allem einen fast unglaublichen Lebensmut hat. Besonders schön finde ich, wenn bei ihr auch die Lebensfreude wieder einmal durchscheint. So wie hier: http://blog.soziale-manieren.de/2009/08/13/gluecksgefuehle-pur/
[...] Offene Plattform: Gastbeitrag: Leben mit chronischen Schmerzen [...]