Wer sich kritisch mit der Gesellschaft, seiner Umgebung, seinem Konsumverhalten, seinem Lebensstil auseinandersetzt, wird irgendwann an die Stelle kommen, an der der Weg sich gabelt. Die eine Richtung geht in “Ich ändere jetzt mein Verhalten, ich tue was”; bei der anderen steht auf dem Richtungsschild: “Ich mach so weiter wie bisher, da ich als Einzelner ja doch nichts machen kann.”
Wer sich nicht entscheiden kann, bleibt stehen. Diese Situation kenne ich. Ich kenne endlose Diskussionen darüber, was gut oder schlecht ist, was geändert werden müßte. Und wenn ich mich dann umblickte, war ich noch immer an derselben Stelle. Kein Fort-Schritt. Reto scheint es ebenso zu gehen (oder war es nur das neblige Novemberwetter?), denn er schreibt sich seinen Frust über diese Situation von der Seele.
Wie kann es sein, dass es da ein Portal gibt, welches “gut” sein will, aber Kompromisse eingeht? Wie kann es sein, dass man online zu Hunderten Freunde hat, aber kaum vor die Türe kommt? Wie kann es sein, dass jedes Jahr 10 Millionen Tonnen Platik in den Meeren landet, sich dort mehr oder weniger abbaut und auf dem Weg dazu alles vergiftet, was dem Prozess in den Weg kommt? Wie kann es sein, dass wir trotzdem jeden Tag in unsere Einkaufwelten fahren und Produkte, welche man eigentlich nicht braucht, plastikverpackt mit nach Hause nehmen? Wie kann es sein, dass es beinahe schon im Boulevard angekommen ist, dass Wachstum eventuell nicht die Lösung, sondern das Problem ist und der Stromverbrauch auch wegen den Privathaushalten trotzdem stärker als das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum ansteigt? Wie kann es sein, dass Kinder und Erwachsene in anderen Ländern unter hundsmiserabelsten Bedingungen für uns Kleider zusammennähen, Elektronik und Spielzeug zusammenbauen, das bei uns eine gefühlte Lebensdauer von vielleicht einem Jahr hat? Wie kann es sein, dass wir unsere Häuser mit Zeugs anfüllen, obwohl wir wissen, dass nicht das Haben das Wesentliche ist? Warum führt all dieses Wissen nicht zu Handlungen, um diese Zustände, welche wir eigentlich nicht wollen, zu beseitigen? Warum tritt uns niemand in den Arsch? Warum treten wir uns selber nicht in den Arsch?
Daraus hat sich eine lebhafte und interessante Diskussion entwickelt. Reto hat auch noch einen Artikel nachgeschoben, über einen Radikalen, der seine Ansichten auch gelebt hat.
Ja, die alte Frage: Warum leben wir nicht gemäß unseren Überzeugungen? Warum setzen wir Erkenntnis nicht in Taten um?
Wie schrieb schon Erich Kästner: Es gibt nichts Gutes – außer: Man tut es. Das trifft es.
Aber ist es denn wirklich so, wie Reto schreibt? Führt das Wissen nicht doch zu Handlungen – bei jedem Einzelnen, aber auch in der Gesellschaft? Es sind keine Revolutionen, die daraus entstehen, sondern meist stille Veränderungen. Dies kann dazu führen, das der Eindruck entsteht, es würde sich garnichts ändern. Wer sich von diesem Eindruck täuschen lässt und an seinem Verhalten nichts ändert, der geht in die Richtung: “Ich mach so weiter wie bisher, da ich als Einzelner ja doch nichts machen kann.” Untertstützt wird dies, durch eine uns scheinbar angeborene Bequemlichkeit.
Tun wir denn wirklich nichts? Schreiben wir nur im Netz über das, was anders werden muß und das war es dann (Schreiben ist auch “tun”, oder)? Sollen wir, um diesen Eindruck nicht entstehen zu lassen, jeden Tag einen Artikel im Blog veröffentlichen, was wir Gutes getan haben? Das tun wir nicht, obwohl es sicher interessant wäre. Muß ja nichts Spektakuläres sein.
Ich könnte schreiben, dass ich kein Fernsehgerät besitze und somit nicht mehr über die Gebühren das unsägliche Fernsehprogramm unterstütze, dass ich nicht mehr mit dem Flugzeug reise und Urlaubsreisen möglichst mit der Bahn durchführe, dass fast vegetarisch lebe, dass ich bei unserem einheimischen Bio-Bauern kaufe (den es hier zum Glück gibt), dass ich – soweit es irgendwie geht – Wege mit dem Fahrrad erledige, dass ich versuche, nichts zu kaufen, was unter “hundsmiserablen” Bedingungen im Ausland produziert wird (was nicht einfach ist). All das ist “Kleinkram” und ich gehe wahrscheinlich anschließend als “grüner Spießer” oder “Nachhaltigkeitsspießer” durch. Aber das Leben ist “Kleinkram”, Revolutionen sind selten. Und es entwickelt sich, zwar langsam, aber stetig.
Insoweit ist eher Sisyphos unser Schirmherr, und nicht Herakles. Wir kommen mit dem Stein immer ein Stück weiter nach oben und irgendwann sicher bis zum Gipfel.
Zum Abschluß. Der Passus Wie kann es sein, dass man online zu Hunderten Freunde hat, aber kaum vor die Türe kommt? macht mich sehr nachdenklich. Ist das so? Schließt das Eine das Andere aus? Wäre dies ohne das WWW anders – sprich: Verliert man Freunde “vor der Tür”, weil man wegen des WWW nicht mehr vor dieselbe kommt? Das kann – und sollte – man ändern, wenn es so wäre.
In diesem Sinne – schönen Sonntag und raus in den Regen (den wir hier z.Zt. haben).
Hans
Dies ist ein Blog für die, die selbst kein Blog haben - weil sie sich nicht mit der Technik befassen wollen, weil sie keine Zeit haben, ein eigenes Blog zu betreiben..... usw.. Hier kann der "Off-Liner" bloggen - nur mal so, zu einem Thema oder ständig über ein Projekt etc. Bei Interesse, bitte über das 



Den Nachhaltigkeits-Graben überwinden…
Mit der Rückkehr der Sonne und einer Menge Reaktionen wird es Zeit ein vorläufiges Fazit zu ziehen: es gilt Brücken über den Nachhaltigkeitsgraben zu erkennen und zu beschreiten. Patentrezepte gib ……
Der schöne Satz: “Das Leben ist Kleinkram” hat mich beeindruckt. Ich kenne einen ähnlichen: Gott steckt im Detail (und nicht etwa der Teufel).
Ich glaube, dass zwischen einem erfüllten, zufriedenstellendem Leben und einem oberflächlichem manchmal dieses “Missverständnis der zu großen Schritte” steht. Das tägliche Einerlei, die Routine sind m.E. das Feld, in dem wir eine ganze Menge bewegen können, gar nicht so sehr die großartigen Entwürfe. Wer immer nur auf den großen Wurf hofft, wird- fürchte ich- allzuoft enttäuscht.
@M.Wehning
Genau – schön gesagt!
Es ist zwar schön, Großes zu erreichen, aber nur das gelten zu lassen wäre falsch. Und würde das scheinbar “normale” Leben abwerten.
Wer das so sieht, wird – wie richtig angemerkt – wohl zwangsläufig enttäuscht und das Streben nach Besserem kehrt sich in dem Fall ins Gegenteil.
[...] an, 9% werden gelegentlich aktiv, 1% ist regelmäßig aktiv) wie es gerade sehr intensiv hier und hier im Zusammenhang mit Fragen, wie: “Was hält uns davon ab, aktiv zu werden?” oder [...]